Anmelden

Die Anfragen zur Liquiditätshilfe nehmen zu

Autor: Tim Giesen
Erschienen: Agrarzeitung
Datum: 29.04.2016

Die seit über einem Jahr anhaltend schwachen Erzeugerpreise belasten zunehmend die Liquiditätssituation der heimischen Milchviehbetriebe. Insbesondere spezialisierte Betriebe, die in den letzten Jahren gewachsen sind und hohe Fremdkapitalanteile aufweisen, stehen aktuell vor großen Herausforderungen. Mit zunehmend abschmelzenden Liquiditätsreserven und ausgereizten Kreditlinien ist für viele Betriebe die Aufnahme neuer Kredite unumgänglich. Banken müssen angesichts der steigenden Anfragen zur Liquiditätshilfe entscheiden, welche Betriebe finanzierungswürdig bleiben.

Die Sicht der Bank

Ist die langfristige Rentabilität des Betriebes gegeben und führen die niedrigen Milchpreise nur vorübergehend zu einem Liquiditätsbedarf, werden sich oftmals Wege zur Überbrückung der aktuellen Marktsituation finden. Mittels einer Liquiditätsplanung sollte auf monatlicher Basis durch Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben zunächst der Liquiditätsbedarf ermittelt werden, der nicht durch vorhandene Kredit- bzw. Händlerlinien gedeckt wird. Sinnvoll ist eine Darstellung über 12 bis 24 Monate mittels einer Tabellenkalkulation. Wichtig ist die regelmäßige Anpassung an aktuelle Preisentwicklungen sowie eine vorsichtige und vor allem realistische Betrachtung. Welche Rolle die Bank zur Überbrückung des ermittelten Liquiditätsbedarfs spielen kann, sollte mit dem Kundenbetreuer diskutiert werden. Hierzu zählen u.a. die Erhöhung von Betriebsmittellinien, die Umschuldung kurzfristiger Verbindlichkeiten oder im Zweifel auch Tilgungsaussetzungen. Entscheidend ist, dass der Betrieb die zusätzlichen Verbindlichkeiten in Zeiten besserer Milchpreise zurückführen kann.

Vorausschauend planen

In einer langfristigen Ertragsplanung sollte deshalb dargestellt werden, ob der operative Cashflow (Betriebsergebnis + Abschreibungen) abzüglich Steuern und Entnahmen zur Bedienung des Kapitaldienstes zukünftig ausreicht. Hierbei sollten sowohl auf der Ertrags- als auch auf der Aufwandsseite geeignete Annahmen getroffen werden. So eignet sich für einen langfristigen Milchpreis der 10-Jahres-Durchschnitt (ca. 31,5 Cent/kg), da er auch die Schwankungen zwischen 2008 und 2010 berücksichtigt. Hierbei ist jedoch Vorsicht geboten: Ein Milchpreis von 31,5 Cent/kg würde aktuell sicherlich für eine Vielzahl von Betrieben ausreichen. Jedoch sind derzeit auch Futtermittel, Diesel und Dünger preiswert. Höhere Materialaufwendungen sollten deshalb in der Planung berücksichtigt und Kosteneinsparungen gut begründet werden. Empfehlenswert ist außerdem die Berechnung eines Break-even-Milchpreises, d.h. ein Preisniveau bei dem die Kapitaldienstfähigkeit gerade noch gegeben ist.

Externe Hilfe in Anspruch nehmen

Die Situation wird komplexer, wenn Liquiditätsprobleme struktureller Natur sind und der ermittelte Break-even-Milchpreis über dem langjährigen Durchschnitt liegt. Gründe hierfür können im Branchenvergleich zu hohe Kosten, versäumte Investitionen oder auch an eine falsche Finanzierungsstruktur sein. In diesen Fällen ist eine Finanzierungsbereitschaft der Bank ohne weiteres nicht gegeben. Liquiditäts- und Ertragsplanungen reichen hier nicht mehr aus. Vielmehr ist die enge Begleitung durch einen Berater notwendig, um Sanierungsmaßnahmen zu erarbeiten. Eine Umfinanzierung bestehender Kredite kann dabei ein Baustein sein – doch ohne eine deutliche Kostenreduzierung wird sie oftmals nicht ausreichen. Im Zweifel kann der Sanierungsplan sogar die Aufgabe der Milchproduktion beinhalten. Das zuletzt hohe Preisniveau konnte die eigentlich defizitäre Lage einiger Betriebe verdecken. In der Vergangenheit versäumte Optimierungsmaßnahmen kommen nun durch die Milchpreiskrise ans Licht. Die nun zwingend notwendige Behebung dieser Baustellen sollte somit genutzt werden, um gestärkt aus der aktuellen Krise hervorzugehen. Dies wird auch die Ansparung von Reserven in Zeiten besserer Milchpreise ermöglichen. Betriebe, die diese Strategie bereits in den Jahren 2013/2014 verfolgt haben, überstehen die aktuelle Preissituation deutlich besser. Da der Milchpreis voraussichtlich volatil bleiben wird, sollten sich Betriebe auch zukünftig darauf einstellen und vorsorgen.

Tim Giesen, Fachbereich Landwirtschaft und Ernährung, Deutsche Kreditbank AG, Berlin

Kontakt

landwirtschaft@dkb.de

030 120 30 9912

DLG-Managementseminare

Profitieren Sie vom Fachwissen aus dem DLG-Netzwerk.