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Digitalisierung in der Finanzbranche

Autor: Dr. Amir Fattah, Chief Digital Officer (CDO)
Erschienen: 01.05.2017
Medium: FWW - Die Zeitschrift der mittelständischen Immobilienwirtschaft

Klassische Banken vs. FinTechs

Im Mai dieses Jahres wurde der Digitalisierungsbeirat des BFW ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern gehört auch die Deutsche Kreditbank AG (DKB), die einer der wichtigsten Bankpartner der Wohnungswirtschaft und gleichzeitig einer der Innovationstreiber der Finanzbranche in Deutschland ist. Die DKB, die im Privatkundengeschäft seit über 15 Jahren eine reine Internetbank ist, hat die Digitalisierung des Bankings vorangetrieben und arbeitet bei innovativen Services schon seit 2013 sehr eng mit FinTechs zusammen. Auch ihre Geschäftskunden können digitale Angebote – wie die Verwalter- und Treuhänderplattform – nutzen. Unser Gastautor Dr. Amir Fattah ist seit Anfang dieses Jahres Chief Digital Officer (CDO) der DKB und hat auch durch seine vorhergehenden beruflichen Stationen, in der Strategieberatung und Technologiewelt, einen guten Einblick in die Digitalisierung der deutschen Bankenbranche. In seinem Artikel schildert er, welche zentralen Entwicklungen es hier in den vergangenen Jahren gab, wie sich das Verhältnis zwischen Banken und FinTechs entwickelt und welchen aktuellen Herausforderungen sich die Finanzbranche stellen muss:

Banken als Technologie-Vorreiter

Historisch war die Finanzbranche immer ein Vorreiter bei der Nutzung von neuen Technologien. Es wurden zahlreiche Innovationen und Geschäftsmodelle erfolgreich am Markt eingeführt, zum Beispiel Online-Banking für Banken ohne ein Filialnetz oder Telefon-Banking unterstützt durch Call-Center Technologien. Gerade die letzten fünf Jahre waren durch signifikanten Fortschritt bei digitalen Kerntechnologien geprägt. Bei Rechenleistungen, Speicherkapazitäten, Netzwerkintelligenz, Open Source Software und In-Memory Datenbanken wurden ungeahnte Leistungsniveaus erreicht. Zahlreiche neue Anwendungsfälle und Geschäftskonzepte wurden hierdurch ermöglicht. Beispiele sind, in unterschiedlichem Reifegrad:

  • Etablierung des Internets als zentrale Kommunikationsplattform und Echtzeit-Vernetzung von Kunden, Mitarbeitern und Partnern mit Daten und Prozessen
  • Wachsende Nutzung des mobilen Kanals („Mobiles Banking“) aufgrund gestiegener Verbreitung von smarten Endgeräten, verändertem Nutzerverhalten, demografischer Entwicklung sowie explosiver Verbreitung von Apps
  • Durchdringung der Banken entlang aller Geschäftsprozesse mit intelligenter Software, um Entscheidungen zu unterstützen bzw. zu automatisieren (Künstliche Intelligenz)
  • Daten-basierte Methoden zur Verbesserung der Kundeninteraktion (Big Data, Analytics, Customer-Relationship-Management, Chatbots)
  • Kryptographische Innovationen bei Bezahlsystemen und dezentralen Buchhaltungsmechanismen (Bitcoins, Crypto-Währungen, Blockchain)
     

Digitale Transformation bei den Banken

Banken wandeln sich immer weiter zu Technologieunternehmen; Software durchdringt zunehmend alle Prozesse der Wertschöpfung. Dies macht den Aufbau technologischer Kompetenz, die agile Einführung von innovativen Projekten, die zügige Erstellung von Prototypen, die Reduzierung der Komplexität in der technologischen Umsetzung sowie die Etablierung einer Keimzelle für kulturellen Wandel notwendig. Um diesen Wandel zu unterstützen, haben zahlreiche Banken auch in Forschung und Entwicklung von digitalen Technologien und Anwendungen investiert. Dies zeigt sich in neu aufgebauten Strukturen wie Innovation Centern, Innovation Labs oder Digital Labors.

Die Herausforderungen für Banken, sich digital zu transformieren, liegen darin, sich kontinuierlich neu zu erfinden und viele Kernthemen gleichzeitig zu orchestrieren:

  • Kulturwandel durch den verstärkt explorativen Umgang mit Technologien, Prozessen und Geschäftsmodellen
  • Kundenzentrierte Lösungsansätze (z.B. Design Thinking) und Etablierung eines tiefgehenden Verständnisses über Kundenbedürfnisse und individualisierte Kundenansprache
  • Erhöhung der Prozessqualität und -effizienz durch Ende-zu-Ende-Digitalisierung bzw. -Automatisierung der Kernprozesse im Front- und Backoffice
  • Einführung neuer Services, Verbesserung von Produkten und schnellere Entscheidungen durch Datenauswertungen
  • Beteiligung der Kunden, Partnerunternehmen und Mitarbeiter an Produkt-Innovationen unter Einbindung von Kollaborations-Werkzeugen („Open Innovation“)
  • Weiterentwicklung des Standard IT-Modells in Richtung einer stärker Cloud-basierten IT-Architektur mit höherer Granularität („Micro Services“) und unterschiedlichen Geschwindigkeiten im IT-Management
     

FinTechs erobern Marktnischen

Banken nutzen digitale Technologien auf immer breiterer Front in ihrer Wertschöpfung. Daran anknüpfend konnten auf Finanztechnologie spezialisierte Startup Unternehmen (FinTechs) neue Geschäftsmodelle aufbauen. Dabei ist Berlin zum größten Standort von FinTechs in Deutschland geworden.

Beispiele für Geschäftsmodelle von FinTechs sind:

  • Angebote von innovativen Services in einer Nische der Wertschöpfung, z. B. Fotoüberweisung oder Online-Identifikation von Kunden
  • Angebote von komplementären Services in der Wertschöpfung, z. B. digitale Kontowechselservices
  • Aufbau einer Plattform mit angeschlossenen Partnerunternehmen, dem sogenannten digitalen Ökosystem. Häufig handelt es sich um P2P (Person-zu-Person) Modelle, z.B. für direkte Geldüberweisung zwischen zwei Personen. Dabei wird auch mit der Monetarisierung von gesammelten (Kunden-)daten und innovativen Preisfindungsverfahren (z.B. Reverse Auktion) experimentiert.

Alle diese neuen Geschäftsmodelle basieren auf dem innovativen Einsatz digitaler Technologien, der Sammlung und intelligenten Auswertung von Daten und dem Aufbau einer agilen Partnerlandschaft.

Die FinTech-Revolution ist ausgefallen, die Evolution geht weiter

Die letzten Jahre waren geprägt durch einen weltweiten Investment-Hype in FinTech Unternehmen. Allein im Jahr 2016 wurden laut Forbes Magazin 17,4 Mrd. US$ in FinTechs investiert. Niedrige Zinsen auf dem Kapitalmarkt sowie hohe Liquidität der Investmentgesellschaften haben diesen Trend beflügelt.

Seit Anfang 2017 zeigten sich erste Anzeichen einer Abschwächung. Erfolgschancen der FinTechs werden wieder realistischer bewertet – einerseits, weil zahlreiche FinTechs ihre finanziellen und strategischen Zielsetzungen nicht erfüllen konnten, und andererseits, weil Banken die Anstrengungen ihrer digitalen Transformation wesentlich verstärkt haben. Wachstums-Erwartungen der FinTechs im Verdrängungswettbewerb mit Banken haben sich vielfach nicht erfüllt. FinTechs stehen bei der Umsetzung der Regulierungsanforderungen vor zahlreichen Herausforderungen. Banken sind jahrzehntelang in ihren Kundengruppen verankert und verfügen über detailreiche Kenntnisse der Kundenpräferenzen. Datensicherheit und Vertrauen sind entscheidende Wettbewerbsvorteile der Banken in der digitalen Welt. Zahlreichen Studien zufolge kann sich die Mehrzahl der Deutschen einen Wechsel zu einer FinTech-Bank nicht vorstellen. Hauptargument ist dabei das fehlende Vertrauen in die Sicherheit der persönlichen Daten.

So ist es letztendlich nicht überraschend, dass beim Aufeinandertreffen von Banken und FinTechs Kooperationsbestrebungen den Konkurrenzgedanken abgelöst haben und sich in Richtung von Wertschöpfungspartnerschaften weiterentwickeln. In diesem komplementären Partnerschaftsmodell bringen FinTechs ihre tiefe Technologie-Expertise in einer Marktnische, innovative Services und agile Entwicklungskompetenz mit ein. Währenddessen Banken ihr Kundenportfolio, Kundenkenntnisse, Know-how der fachlichen Prozesse, Produkt-Expertise, sowie Datensicherheit einbringen. Die Orchestrierung der Wertschöpfung, die „Datenhoheit“ und Kundenbeziehung verbleiben bei der Bank. Die innovativen Services der FinTechs können über standardisierte Schnittstellen in das Service-Portfolio und die Kundenschnittstelle der Bank eingebunden werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Digitale Transformation bei Banken ist eine niemals endende Reise, Chance und Herausforderung zugleich. Neue digitale Innovationen machen es notwendig, Geschäftsmodelle, Wertschöpfungstiefe, Serviceinnovationen, Kundenerlebnisse und Prozesse kontinuierlich auf den Prüfstand zu stellen. Der Veränderungsdruck auf Unternehmen der Finanzindustrie wird weiter wachsen, genauso wie die strategische Notwendigkeit, in den Aufbau digitaler Kompetenzen der Mitarbeiter und Expertise bei digitalen Innovationen zu investieren.

Das Zusammenspiel zwischen Banken und FinTechs, die konkrete Ausgestaltung der Wertschöpfungspartnerschaften und der Aufbau des digitalen Ökosystems werden die kommenden Jahre prägen. Um ihre neue Rolle als Technologieunternehmen und Orchestrator der Wertschöpfung wahrzunehmen, müssen Banken auch bei forschungsnahen digitalen Innovationen neue Wege gehen und ihren kulturellen Wandel beschleunigen.

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