Autor: Albrecht Schünemann
Erschienen: agrarzeitung
04.09.2017
Schwankende Erzeugerpreise werden auch künftig die Liquiditätslage in der Landwirtschaft prägen. Betroffen sind insbesondere Wachstumsbetriebe mit hohen Fremdkapitalbelastungen. Notwendig sind eine gesunde Wachstumsstrategie sowie die Früherkennung möglicher Eng-pässe. Eine Einschätzung von Albrecht Schünemann von der Deutschen Kreditbank in Berlin.
Mittel- und langfristige Preisprognosen für landwirtschaftliche Erzeugnisse sind stark von den globalen Annahmen zur Entwicklung der Weltbevölkerung, der Kaufkraft und der begrenzten Flächenverfügbarkeit geprägt. Ist man bisher noch von mittelfristig steigenden Preisen ausgegangen, so sind die aktuellen Prognosen etwas zurückhaltender. Bei weiterhin leicht positiver Entwicklung wird die Dynamik des Preisanstiegs der nächsten 10 Jahre für Getreide, Ölsaaten, Milch- und Fleischprodukte verhaltener eingeschätzt. Verschiedene Beispiele zeigen, dass künftig mögliche, aber nicht sicher vorhersehbare Faktoren eine Prognose zur Markt- und Preisentwicklung vollständig verändern, den mittelfristigen Trend beeinflussen und zusätzlich sogar kurzfristig für starke unvorhersehbare Schwankungen sorgen können.
Wir gehen davon aus, dass der Großteil der Landwirte weiterhin sogenannte Commodities, also Roh-stoffe wie Getreide, Milch oder Fleisch für die weiterverarbeitende Ernährungsindustrie erzeugen wird. Bei Einhaltung grundlegender Qualitätsstandards findet der Wettbewerb hier über die Produktionskos-ten in den Betrieben statt. Ein wesentlicher Beitrag zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Pro-duktionskosten sind laufende Investitionen in Gebäude und Maschinen. Modernisierungen und Erwei-terungen bieten den Zugang zu technischem Fortschritt, erleichtern die Umsetzung günstigerer Pro-duktionsabläufe und ermöglichen Degressionseffekte der Erzeugungskosten.
Seit einigen Jahren ist gerade bei mittelgroßen Familienbetrieben ein deutlicher Wachstumswille zu beobachten. Der Generationswechsel in Verbindung mit positiven Zukunftserwartungen entfaltet hier eine gewisse Wirkung. Die Wachstumsstrategien gehen meist mit einem deutlichen Anstieg der Fremdverschuldung einher. Allerdings werden eigenmittelähnliche und damit risikoreduzierende För-dermittel in manchen Regionen kaum noch gewährt oder aufgrund der damit verbundenen Auflagen von den Landwirten abgelehnt. Die verfügbaren Eigenmittel sind in den Unternehmen oder im Gesell-schafterkreis häufig jedoch begrenzt. Um bei zunehmender Verschuldung und gleichzeitig stärker schwankenden Produktpreisen nicht in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten, müssen im Unternehmen die 3 wesentlichen finanzwirtschaftlichen Ziele Rentabilität, Stabilität und Liquidität in eine gesunde Balance gebracht werden.
Tabelle 1: Übersicht der finanzwirtschaftlichen Ziele
| Kennzahlen und mittlere Ausprägungen in der Landwirtschaft | Einfluss durch Wachstum | ||
| Rentabilität: | |||
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Umsatzrendite EBIT-Marge Eigenkapitalrendite Return on Investment |
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In der Landwirtschaft können Größenvorteile bei den Produktionskosten, sogenannte Skaleneffekte realisiert werden. Insbesondere Maschinen- bzw. Arbeitserledigungskosten werden durch Wachstum positiv beeinflusst. Kosteneinsparungen sind meist höher als gegenläufige Effekte etwa aufgrund zunehmender Hof-Feld-Entfernungen. | |
| Stabilität: | |||
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Eigenkapitalquote Anlagendeckung II |
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Investitionen verlängern die Bilanz. Bei hoher Fremdkapitalfinanzierung reduziert sich die Eigenkapitalquote. Eine fristenkonforme Finanzierung ist meist möglich und schont den Anlagendeckungsgrad. | |
| Liquidität: | |||
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Dynamischer Verschuldungsgrad |
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Die steigende Verschuldung sowie der Einsatz liquider Mittel zur Mitfinanzierung führt zumindest vorübergehend zu einer Belastung bis die positiven Rentabilitätseffekte sich in steigenden Umsatzrenditen niederschlagen. | |
Quelle: eigene Auswertungen von Jahresabschlüssen landwirtschaftlicher Betriebe
In Tabelle 1 ist zu erkennen, dass ausgehend von betrieblichem Wachstum zwischen der Steigerung der Rentabilität und dem Erhalt von Liquidität und Stabilität ein Zielkonflikt vorliegen kann. Dieser lässt sich auch nicht grundsätzlich auflösen – es kommt darauf an, die Unternehmensentwicklung so auszugestalten, dass die Kennzahlen in allen 3 Dimensionen akzeptable Werte einnehmen.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre sprechen eine klare Sprache. Zu beobachten waren die Ef-fekte zum Beispiel in der Milchpreiskrise der Jahre 2015 und 2016 oder bei Ackerbaubetrieben in Re-gionen mit außergewöhnlich starken Ertragseinbußen in der Ernte 2016 gepaart mit eher schwachen Erzeugerpreisen. Bedingt durch die äußeren Einflüsse waren alle Unternehmen mit Rentabilitäts- und zum Teil massiven Liquiditätseinbußen konfrontiert, konnten diese jedoch unterschiedlich verarbeiten. Weitgehen unbeschadet sind Betriebe durch diese Krise gekommen, die
Den Einfluss der Wachstumsgeschwindigkeit auf Stabilität und Liquidität soll folgendes Beispiel ver-deutlichen. Der Betrieb bewirtschaftet in der Ausgangssituation 150 ha und hält 160 Milchkühe. Neben dem Futterbau auf ca. 50 ha wird Ackerbau mit einer Getreide-Raps-Fruchtfolge betrieben. Der Bo-xenlaufstall wurde Anfang der 90er Jahre errichtet und bietet am derzeitigen Standort keine Entwick-lungsperspektiven. Vorgesehen ist ein Stallneubau mit Melktechnik im Außenbereich inklusive Silo- und Güllelager. Tabelle 2 zeigt den Vergleich ausgewählter Entwicklungen zu den beiden Wachstum-soptionen „Neubau für 300 Kühe“ und „Neubau für 600 Kühe“:
Tabelle 2: Gegenüberstellung möglicher Wachstumsszenarien
| Ausgangssituation | Szenario 1 (300 Kühe) |
Szenario 2 (600 Kühe) |
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Gesamtleistung Milchmenge |
480.000 € 1,5 Mio. kg |
1.115.000 € 2,8 Mio. kg |
2.145.000 € 5,7 Mio. kg |
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Betriebsergebnis EBIT Umsatzrentabilität EBIT-Marge |
85.000 € 87.000 € 18 % 18,1 % |
85.000 € 150.000 € 8 % 13,5 % |
153.000 € 273.000 € 7 % 12,7 % |
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erfolgswirksamer Cashflow |
126.000 € |
230.000 € |
428.000 € |
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Bilanzsumme |
1.050.000 € |
3.700.000 € |
6.320.000 € |
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Eigenkapital Eigenkapitalquote |
900.000 € 86 % |
900.000 € 14 % |
900.000 € 24 % |
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dynamischer Verschuldungsgrad |
0,8 Jahre |
12 Jahre |
12,7 Jahre |
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Tilgung |
35.000 € |
180.000 € |
330.000 € |
In dem Rechenbeispiel mit Auszügen aus der Plan-Bilanz und Plan-GuV soll die künftige Risikolage des Betriebes zum Ausdruck kommen. Zu diesem Zweck wurden keine kalkulatorischen Ansätze (Ei-genkapital, Entlohnung Betriebsleiter) erfasst, sondern tatsächliche Zahlungsströme. Gerechnet wurde mit einem Netto-Basismilchpreis von 32 ct/kg. Für das Szenario 2 haben wir leicht ermäßigte spezifi-sche Investitionskosten unterstellt. Folgende Schlussfolgerungen lassen sich aus der Tabelle ziehen.
Rentabilität: Das Betriebsergebnis steigt erst bei der großen Investition an, was wesentlich den feh-lenden kalkulatorischen Eigenkapitalkosten zuzuschreiben ist. Hier bietet das EBIT (Ergebnis von Zinsaufwand) einen besseren Vergleich, da damit der unterschiedlichen Eigenkapitalausstattung Rechnung getragen wird. Außerdem wird die Ausgangssituation durch geringe Abschreibung bei Nut-zung alter Produktionsanlagen geprägt. Aufgrund der begrenzten Flächenausstattung ist im Szenario 2 der Zukauf von Silage notwendig, was hier mit etwas höheren Grundfutterkosten berücksichtigt wurde.
Stabilität: Deutlich rückläufig ist die stabilisierende Eigenkapitalquote. Mit 24 % im Szenario 1 liegt der Betrieb bereits unter der branchenüblichen Bandbreite, im Szenario 2 fällt diese auf einen deutlich unbefriedigenden Wert ab. Ein weiterer Nebeneffekt ist hier, dass der Betrieb in Zukunft mit Abschlä-gen bei der Ratingnote rechnen muss, die stark von der Eigenkapitalquote geprägt wird. Damit werden künftige Finanzierungsspielräume enger und neue Kredite tendenziell teurer.
Liquidität: Mit dem Fremdkapitalanstieg nimmt auch der dynamische Verschuldungsgrad deutlich zu, liegt aber mit 12 bis 13 Jahren noch im oberen Bereich des Branchenüblichen. Die Liquiditätslage wird nicht näher beleuchtet. Aufgrund des Eigenmitteleinsatzes verschlechtert sie sich aber bei vergleich-baren Maßnahmen tendenziell. Wesentlich ist für den künftigen Betrieb, dass feste und kaum verän-derbare Zahlungen entstehen. Dazu gehören Tilgungen sowie die wachstumsbedingten Personalkos-ten, die unabhängig von der Milchpreisentwicklung termingereicht gezahlt werden müssen und in bei-den Szenarien ca. 10 ct/kg Milch ausmachen.
Gesamtbewertung: Beide Szenarien bieten grundsätzlich eine zukunftsfähige Betriebsentwicklung und die Möglichkeit, wettbewerbsfähig Milch zu erzeugen. Die Zahlen in Tabelle 2 legen keine offen-sichtliche Entscheidung nahe. Die schwache Eigenkapitalausstattung spricht aber eher gegen den großen Wachstumsschritt. Das kleinere Investitionsvorhaben erscheint überschaubarer und passender zur Flächenausstattung. Sinkende Milchpreise würden jedoch in beiden Fällen etwa gleich schnell den Cashflowüberschuss nach Tilgung aufzehren. Mitentscheidend dürften folgende Einschätzungen sein:
Für die Landwirtschaft scheint es unabdingbar, künftigen Marktschwankungen vorzubeugen. Das kann in der Ansparung von Barreserven erfolgen, aber auch in einer stärkeren Entschuldung – insbesondere im kurzfristigen Bereich bei Banken und Händlern.
Investitionen in Modernisierung und Wachstum sind auch künftig unabdingbar für die Entwicklung wettbewerbsfähiger Betriebe. Der Kapitalbedarf wird häufig mit hohen Fremdkapitalanteilen gedeckt. Dabei ist es zwingend notwendig, auf einen Ausgleich zwischen Rentabilität, Stabilität und Liquidität im künftigen Landwirtschaftsbetrieb zu achten. Bei der Investitionsplanung sollten verschiedene Ent-wicklungsszenarien erarbeitet werden, für die anhand der Planungsunterlagen einfach strukturierte Planbilanzen erstellt werden können. Damit wird Transparenz für die künftige Risikolage des Land-wirtschaftsbetriebes geschaffen. Diese gilt es bei einer langfristig angelegten Investition offen zu legen, um sich für künftig unvorhergesehene Entwicklungen zu wappnen.